Dombauverein

Freitag, 20. Mai 2022

1. Wissenschaftliches Forum 2022 zu ‚Heinrich Hübsch und der Westbau des Speyerer Doms'

PD Dr. Ulrich Schumann

Der Vortrag in der Aula des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums war gut besucht.

Der Vortrag des 1. Wissenschaftlichen Forums 2022 zu ‚Heinrich Hübsch und der Westbau des Speyerer Doms das außergewöhnliche Werk eines außergewöhnlichen Architekten‘ von Privatdozent Dr. Ulrich Schumann in der Aula des Nikolaus-von-Weis-Gymnasiums war gut besucht.

Gleich eingangs weist der Referent darauf hin, dass der Dom weit mehr ist als nur gebaute Macht und gebaute Geschichte, wie dies bei der Beschreibung des Domes als UNESCO Weltkulturerbe zu finden ist.

Der Architekt Heinrich Hübsch war eher ein untypischer Schüler Friedrich Weinbrenners, der als Badischer Baudirektor der Stadt Karlsruhe, das Stadtbild entschieden prägte. Hübsch hat zwar viel von Weinbrenner übernommen, aber dennoch einen eigenen Stil entwickelt, der sein Interesse an Technik und Kunst widerspiegelt. Heinrich Hübsch ist vielmehr für seine Bücher bekannt, als für seine Bauwerke. Insbesondere seine 1828 publizierten Schrift In welchem Style sollen wir bauen? hinterließ einen nachhaltigen Eindruck in der Architekturwelt. Der ihm zugeordnete Rundbogenstil findet allerdings erst unter § 15 in besagter Schrift Erwähnung. Hübsch entwickelt die Romanik nach seiner Vorstellung folgerichtig weiter.

Nach einen kurzen Streifzug vorbei an seinen früheren Bauten wie der Kirche St. Cyriakus in Bulach, der Trinkhalle in Baden-Baden, der Kunsthalle wie auch der Gebäude im Botanischen Garten in Karlsruhe, widmet sich Schumann dem Westbau des Speyerer Domes.

Hübsch hat den Speyerer Dom mit dem neuen Westbau so vollendet, dass es vielen Besuchern gar nicht auffällt, dass der Westbau eine Zutat des 19. Jahrhunderts ist! Davon zeugen auch viele Abbildungen des Domes nach der Fertigstellung der neuen Hübschen Fassade. Es wird nicht mehr die mächtige romanische Oststeite des Doms mit der Apsis abgebildet, die ja weiterhin besteht, sondern die neue ergänzte Eingangsfassade von Heinrich Hübsch.

Hübsch errichtet keine mittelalterliche Fassade nach den alten Stichen, er kopiert nicht, er ist kreativ. Er entwickelt mit seinen Mauerschichten aus gelbem und rotem Sandstein einen eigenen grafischen Stil für den Westbau, der in der Literatur eine schlechte Bewertung erfahren hatte und als stupide, teppichhaft oder ‚eigenwilliges Schmuckwerk‘ abgetan wurde. Bei ihm wird das Mauerwerk selbst zum Ornament. Er strukturiert die Fassade mit Lisenen, um auf den basilikalen Aufbau des Kirchenschiffes hinzuweisen. Die Gliederung der Fassade gibt die Konstruktion des Gebäudes wieder.

Über dem Hauptportal fügt er eine Fensterrose ein, da eine solche typisch für Kirchenfassaden sei. Er kopiert die Seitengiebel des Westbaues und setzt einen Mittelgiebel über die Fensterrose, da eine Fassade ohne Giebel keine Kirchenfassade sei.

Die ehemals schlichten Portale erfahren eine aufwändige Behandlung mit reich verzierten Archivolten und tief gestuften Gewänden, wie ein Trichter, in die sogar noch Figurenprogramme eingefügt werden, was es zur Entstehungszeit des romanischen Domes noch nicht gab. Der von Hübsch geschaffene Westbau ist keine Ergänzung des Domes unter schlichter Verwendung mittelalterlicher Architekturelemente, sondern die Vollendung des Bauwerkes mit einer Fülle neuer künstlerischer und religiöser Erkenntnisse, durch die das gesamte Bauwerk als Einheit wahrgenommen wird.

Die Sichtbarmachung der nicht unumstrittenen Leistung des Architekten Heinrich Hübsch aus Karlsruhe bei der Gestaltung des Westbaues des Speyerer Doms war das Ziel des Vortrags.

Jetzt endlich konnte man wieder, wie dies schon eine gute alte Tradition beim Dombauverein Speyer ist, die bei dem Vortrag neu hinzugewonnenen Erkenntnisse über den Dom bei einem guten Glas Domwein und Häppchen auf sich wirken lassen.

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