Redaktion der pilger

Mittwoch, 13. Juli 2022

Hören und Tun sind eins

Henryk Siemiradzki (1843 bis 1902): Christus im Haus von Marta und Maria, Öl auf Leinwand, 1886. (Foto: Russisches Museum St. Petersburg / Wikimedia Commons (gemeinfrei))

Maria und Marta sind wie die zwei Seiten einer Münze

Da sind sie wieder, die Bilder von Menschen mit Koffern in der Hand, die fliehen mussten vor dem Krieg in der Ukraine. Wenn ich an Menschen denke, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, wie gerade aktuell wieder, dann überlege ich, wie es mir dabei ginge. Ganz konkret, was würde ich mitnehmen in nur einem Koffer, was wäre mir wichtig, was wäre notwendig?

Wir leben aktuell in einer Zeit großer Herausforderungen: Corona-Pandemie, Klima-
krise, Krieg in Europa, über 270 Millionen Menschen weltweit, die humanitäre Hilfe benötigen, Kirchenkrise ... viel Not, die gewendet werden muss!

Im Evangelium von Marta und Maria stellt sich dieselbe Frage, nämlich die nach dem Einen, was nottut? Nach dem was notwendig ist für ein gutes Leben, für mein Leben.

Man könnte die Geschichte so auslegen, als höre Maria einer Predigt Jesu zu. Damit hat sie eine gute Entscheidung gefällt und das Eine gewählt, das notwendig ist, auf Jesus zu hören.

Eine weitere könnte sein: Maria und Marta sind beide gute Menschen. Es liegt nahe, beiden Recht zu geben. Aus der Aussage „Eins tut not“ wird dann eine Doppelaussage: An Marta gewendet heißt es dann: „Es ist gut ,dass Du für Deine Gäste sorgst‘.“ Aber irgendwie passt der Kompromiss nicht zur Geschichte: Marta sorgt sich um Vieles, Maria um Eines. Lenkt das Viele vielleicht von dem Einen, das notwendig ist, ab?

Zweifellos ist es auch eine Geschichte über emanzipierte Frauen. Fakt ist: Marta braucht Hilfe. Und Jesus verweigert ihr die Unterstützung. Typisch Mann! Eine andere Rolle vertritt Maria. Sie entzieht sich der Hausarbeit, um von Jesus zu lernen. Ist sie dadurch emanzipierter als ihre Schwester? Beide Frauen handeln für antike Verhältnisse sehr emanzipiert. Marta (der Name bedeutet Herrin) nimmt Jesus in ihr Haus auf. Einen Mann ins Haus aufnehmen, erforderte damals Selbständigkeit.

Außerdem wendet sich Marta mit ihrer Kritik an Jesus: „Kümmert es dich denn gar nicht, dass mich meine Schwester allein dienen lässt?“ Sie kritisiert einen Mann. Das passt nicht zur traditionellen Frauenrolle.

Man kann also sagen: beide Frauen verhalten sich sehr ungewöhnlich. Aber auch Jesus verhält sich ungewöhnlich. Er sagt etwas Gutes: Maria hat das gute Teil gewählt, das ihr nicht genommen werden kann.

Wichtig ist: Sie hat gewählt. Sie hat sich entschieden. Und Marta hat entschieden, Jesus in ihr Haus aufzunehmen. Dass Männer Entscheidungen von Frauen respektieren, war (und ist) nicht selbstverständlich. Damit wissen wir jetzt viel über die Rolle der Frauen, aber immer noch nicht, was das Eine ist, das nottut. Was ist das gute Teil, das Maria gewählt hat?

Vielleicht hat es damit zu tun, dass ich mich entscheide, aber wofür? Was ist das geheimnisvolle „Eine“, das nottut, für das ich mich entscheiden sollte?

Das EINE erinnert an den EINEN. Was im griechischen Urtext heißt: „EINS ist notwendig“, kann nämlich ebenso gut übersetzt werden mit: „EINER ist notwendig.“ Gott ist notwendig. Und Gott tritt in mein Leben durch sein Wort. Wir sind Gott gegenüber Hörerin und Hörer, wie Maria Hörerin ist, bevor wir Täterin und Täter werden, wie Marta Täterin ist. (Guido König)

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