Redaktion der pilger

Mittwoch, 29. Juni 2022

Vom Konvikt zum Mehrfamilienhaus

(Foto: Gemeinnütziges Siedlungswerk)

Nichts ist so beständig wie der Wandel – das gilt auch für das St. Josefsheim in Speyer, im Volksmund gern „Seppelskasten“ genannt. An der Oberen Langgasse/Bahnhofstraße gelegen, diente das Gebäudeensemble im Laufe der Zeit mehreren Zwecken. Zuletzt war es Sitz des Diözesan-Caritasverbandes, nun wird es in Wohnungen umgewandelt (Entwurf oben) und ist vom Bistum in den Besitz des Gemeinnützigen Siedlungswerks (GSW) übergegangen.

Doch zurück zu seinen Anfängen. Die nahm es als Bischöfliches Studentenheim St. Josef, eröffnet am 1. Mai 1924. Den Anlass für seine Gründung beschreibt Nikolaus Lauer, bischöflicher Sekretär und ab 1925 Direktor des Studentenheimes, in der Chronik des Hauses, die er allein betrieb. Demnach gebe es „eine große Anzahl von Gymnasien (Kaiserslautern, Ludwigshafen, Neustadt, Pirmasens, Zweibrücken), drei Oberrealschulen (Kaiserslautern, Ludwigshafen, Zweibrücken), fünf Progymnasien, drei Lateinschulen, neun sechsklassige Realschulen“. Dennoch sei einigen pfälzischen Regionen eine höhere Schule vorenthalten wie etwa das Dahner Tal, das Bliestal und Teile der Nordpfalz. Zudem seien viele Dörfer nicht an den Verkehr angebunden, sodass es für die Schüler mit großen Umständen verbunden sei, täglich eine weiterführende Schule zu besuchen. Ein bereits erworbenes Haus in Neustadt sei von den französischen Besatzungstruppen beschlagnahmt worden.

So kam es gerade recht, dass dem damaligen Bischof Dr. Ludwig Sebastian eine Zigarrenfabrik an der Oberen Langgasse 2 zum Verkauf angeboten wurde. Die Bremer Besitzer, Gebrüder Strothoff, verlangten 25 000 holländische Gulden, denn die deutsche Mark befand sich aufgrund der Inflation im freien Fall. Der Preis war nicht gerade günstig, aber die unsichere Zeit riet, Geld in Sachwerten anzulegen. Umgerechnet mussten für den Erwerb des Gebäudes 43 000 Gold-Mark aufgebracht werden, zu denen etliche Sponsoren einen Teil beisteuerten, unter anderem Papst Pius XI. und der Caritasverband der Diözese Speyer. Mit drei Stockwerken und Hinterhaus war das Gebäude geräumig, allerdings auf Fabrikzwecke ausgerichtet. Es fehlten Heizung, Beleuchtungsanlage, Bad und Toiletten. Das machte einen Umbau und die entsprechende Einrichtung nötig. Die Kosten dafür betrugen 131 188,78 Reichsmark. Der Bischof berappte knapp die Hälfte, der Rest musste bei Banken aufgenommen werden.

1925 beschloss der Bischöfliche Stuhl, das angrenzende, in der Bahnhofstraße gelegene Anwesen eines Fabrikanten hinzu zu kaufen. Es umfasste ein Wohnhaus und zwei gewerbliche Einheiten. In das Wohnhaus zog der Diözesan-Caritasverband mit seinen Büros ein, eine Werkstätte wurde vom Lehrlingsheim St. Philipp von Zell genutzt, der zweite Fabrikschuppen zugunsten eines Spielplatz des Studentenheimes abgerissen. Während laut Nikolaus Lauer Eigentümer des gesamten Komplexes der Bischöfliche Stuhl zu Speyer war, habe der Caritasverband die Verwaltung übernommen. Dem Bischof habe es auch oblegen, den Direktor des Studentenheims zu ernennen. Diese Funktion übernahm als erster der ehemalige bischöfliche Sekretär Fritz Kary aus Zweibrücken. Ihm folgte schließlich Nikolaus Lauer.

Anfang der 1930er Jahre wurde dem Architekten Albert Boßlet der Auftrag erteilt, die einzelnen Gebäude zu vereinen. Der gebürtige Frankenthaler hatte sich bereits einen Ruf als Meister von Kirchenbauten erworben, verlieh aber auch Profanbauten seine eigene Note. Das ehemalige Fabrikgebäude in der Oberen Langgasse beließ er bis auf die Fensterornamente in seiner Erscheinung. Neu kam das fünfstöckige, turmartige Gebäude hinzu, als Bindeglied zu dem Bau in der Bahnhofstraße. Das Ergebnis war ein Komplex mit klaren Formen, charakteristisch für den Stil Boßlets und Ausdruck der neuen puristischen Sachlichkeit.  

1951 erhielt das Studentenheim seine eigene Kapelle, die Bischof Dr. Joseph Wendel, der selbst etliche Jahre Direktor des Hauses war, am 1. Mai weihte. Bis dahin wurde das Vorhaben immer wieder durchkreuzt. Denn im Zweiten Weltkrieg beschlagnahmt, war das Haus als U-Boot-Schule vorgesehen, diente dann als Hilfslazarett, bevor es wieder Internat sein durfte. Und so mussten die Gottesdienste lange Zeit in einem Provisorium einer ehemaligen Werkstätte abgehalten werden.

1976 ging die Ära des Studentenheims zu Ende. Es wurde bis 2017 als Zentrale des Diözesan-Caritasverbandes genutzt. Nun wird der Gebäudekomplex wieder einer neuen Bestimmung zugeführt und nach seinem Umbau hauptsächlich Wohnungen bieten. Dazu muss der Flügel in der Oberen Langgasse wegen baulicher Mängel einem Neubau weichen, wobei der von Boßlet verliehene Charakter des Ensembles weitgehend gewahrt bleiben soll.

Anfang des Jahres war das Gemeinnützige Siedlungswerk in die Vermarktung der Wohnungen eingestiegen. Bis zu diesem Zeitpunkt lagen nach Angaben von Christian Rohatyn, Geschäftsführer des GSW, bereits mehr als genug Bewerber vor. Der Bau soll bis zum ersten Quartal 2024 fertig gestellt und bezugsbereit sein. (Friederike Jung)

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