Redaktion der pilger

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Wir sind geliebt

Jesus und Zachäus – Säulenkapitell der romanischen Kirche St. Nectaire im gleichnamigen Ort im Departement Puy-de-Dôme (Zentralmassiv). (Foto: Wikimedia Commons/gemeinfrei)

Was wir an Zachäus wieder neu lernen können

Beim ersten Lesen des Evangeliums für den heutigen Sonntag ist mir ausgerechnet das Kinderlied eingefallen „Zachäus ist ein kleiner Mann, keiner will ihn haben.“ Dabei ist diese Erzählung und die Begegnung von Zachäus und Jesus alles andere als eine Kindergeschichte, obwohl sie sich natürlich gut in Bild oder Spiel darstellen lässt. Der kleine Mann darf eine große Erfahrung machen, aus der vor allem „die Großen“ etwas lernen können.

Zachäus ist ein reicher Mann, so erfahren wir. Im alttestamentlichen Denken bedeutet Reichtum, dass ein Mensch von Gott belohnt wird. Wer reich ist, hat offenbar alles richtig gemacht und dafür die Gnade Gottes erfahren. Bei Zachäus verhält es sich etwas anders, denn sein Reichtum stammt aus den hohen Zöllen, die er als oberster Zollpächter in Jericho den Menschen abgeknöpft hat. Kein verdienter oder erarbeiteter Reichtum also, sondern Besitz, dem Ungerechtigkeit und Leid anhaften. Dieser Mann hat viel Geld, aber kein Glück damit, denn niemand will etwas mit ihm zu tun haben. Da er sich auf Kosten anderer bereichert, „will ihn keiner haben.“

Zachäus ist einsam, und er spürt offensichtlich, dass da in seinem Leben etwas schiefläuft. Vielleicht erhofft er sich von einem Blick auf Jesus eine Veränderung, ein anderes Leben, in dem jemand mit ihm zu tun haben will, ihn vielleicht sogar gernhat. Im Text heißt es, er suchte Jesus, um herauszufinden, wer er sei, doch er konnte es nicht, denn er war klein. Immerhin ist er erfinderisch, und er ist sich nicht zu schade, auf einen Baum zu klettern, um einen besseren Blick zu haben.

Und dann läuft alles ganz anders, als der oberste Zöllner sich das vermutlich gedacht hat. Jesus bleibt nämlich unter dem Baum stehen und schaut zu ihm hinauf. Vielleicht hat Zachäus sich erst mal umgeschaut, ob noch jemand auf dem Baum sitzt, den Jesus anschauen könnte. Aber nein: da ist niemand sonst. Jesus schaut ihn an – den reichen Mann von kleiner Gestalt, den keiner haben will. Und mehr noch: Jesus ruft ihn herunter und will bei ihm zu Gast sein.
Was dann geschieht, lässt erahnen, wie groß die Sehnsucht ist, wie groß auch die Einsamkeit und die Verzweiflung dieses Menschen. Schnell steigt er herunter und nimmt Jesus freudig bei sich auf. Endlich sieht ihn einer, endlich schenkt ihm jemand Ansehen und auch Vertrauen, denn ohne Vertrauen können Menschen nicht beieinander zu Gast sein.

Die, die das hier mitbekommen haben, können und wollen da nicht mit – sie ärgern sich, dass Jesus ihre Schublade „Zachäus = Zöllner = Sünder“ über den Haufen wirft und bei dem, den niemand von ihnen auch nur angesehen hätte, einkehrt. Aber diese Zuwendung, dieses Vertrauen Jesu bewirkt in Zachäus eine enorme Veränderung. Er begreift, dass er Schuld auf sich geladen hat und ergreift seine Chance, umzukehren und den ungerecht erworbenen Besitz zu teilen und alles zurückzugeben an die, von denen er zu viel verlangt hat. Und Jesus sieht seine Reue, seine Bereitschaft, ganz neu anzufangen, und sagt ihm etwas, was auch uns gelten kann: „Heute ist diesem Haus Heil geschenkt worden (…), denn der Menschensohn ist gekommen, um zu suchen und zu retten, was verloren ist.“

In unserer Welt gibt es vieles, zu vieles, was verloren ist oder verloren scheint. Oft genug fühlen wir uns selber verloren vor den Herausforderungen unseres Lebens angesichts des Krieges, der wirtschaftlichen Krise, der Ungewissheit in Gesellschaft und Welt und auch in der Kirche, die wir uns vielleicht als letzten sicheren Ort gewünscht hätten. Aber auch da drohen mit Strategieprozess und Einsparzwängen liebgewordene Gewohnheiten, Orte und Traditionen verloren zu gehen.

Bei all diesen erschreckend großen Themen und Fragen, die jeweils neue Fragen aufwerfen und deren Konsequenzen längst nicht mehr überschaubar sind, komme ich mir ziemlich klein vor. Wäre es doch so einfach, dass wir nur auf einen Baum steigen müssten, um einen Überblick zu bekommen!

Zachäus und seine Geschichte machen uns eines deutlich: die Verantwortung, die wir tragen, unser Versagen und auch die Schuld, die uns belastet – das alles ist für Gott kein Hindernis, uns zu lieben. Wie Jesus den Zöllner Zachäus ansieht, schaut er auch uns an und sagt: „Komm schnell herunter!“ Ich vertraue dir, und ich will heute in deinem Haus bleiben.

Diesen liebevollen Blick, dieses Angebot dürfen wir annehmen, wie es Zachäus getan hat. Dürfen uns als geliebt erfahren von Gott, dem Freund des Lebens, wie ihn die Lesung nennt. „Du liebst alles, was ist“, sonst hättest du es nicht geschaffen. Was eine Logik! Weil wir geschaffen sind, sind wir auch geliebt – zutiefst geliebt – vom ersten Moment unseres Daseins an – und bis in Ewigkeit.

Es geht um die Liebe, um Gottes unsagbar große Liebe zu uns – und wie wir sie erfahren. Darum, dass wir geliebt sind, wie wir sind – auf unsere ganz eigene, unverwechselbare Weise.  Wir alle, die kleinen und die großen Kinder Gottes. (Annette Schulze)

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