Redaktion der pilger

Mittwoch, 21. September 2022

Ein Gleichnis fast wie ein Märchen

Jacopo Bassano: Lazarus und der reiche Mann, Ölgemälde, um 1550. (Foto: Cleveland Museum of Art, Wikimedia Commons, gemeinfrei)

Jesu Erzählung vom reichen Mann und vom armen Lazarus

Es war einmal! Märchen beginnen so, und auch unsere Gleichnisgeschichte hat etwas von einem Märchen. Weil sie, wie auch alle Märchen, eine Sinn-Geschichte ist. Eine, die einen tieferen, verborgenen Sinn enthält. Sie erzählt davon, wie Leben gelingen kann und woran es scheitert, und – sie ist hochaktuell.
Fast holzschnittartig wird ein namenloser reicher Mann vorgestellt. Nichts erfahren wir darüber, wer er ist und wie er zu seinem Reichtum kam. Nur, dass er sein sorgenfreies Leben im Luxus genießt.

Ihm gegenüber steht ein mittelloser Armer, der zudem vom Leben schwer gezeichnet ist. Auch von ihm wissen wir fast nichts. Weder, ob er ein besonders guter Mensch war, noch, wie er in seine prekäre Lage gekommen ist.

Doch anders als beim Reichen erfahren wir von ihm, wie er heißt: Lazarus, was so viel bedeutet wie „Gott hilft“. Die Geschichte stellt schon darin die Wirklichkeit auf den Kopf. Wie viele Namen von Wohlhabenden und Mächtigen fallen mir spontan ein? Aus den Spalten der Zeitungen, aus Nachrichtensendungen oder Magazinen. Sie sitzen in Talkshows und auf Podien, in Aufsichtsräten und Entscheidungsgremien. Sie sind es, die öffentlich sichtbar und vernehmbar sind. Aber kenne ich auch nur einen einzigen Bettler aus der Fußgängerzone mit Namen? Weiß ich irgendetwas über sein Lebensschicksal? Es ist so, wie der Dramatiker Bertolt Brecht schon vor fast 100 Jahren dichtete: „Denn die einen sind im Dunkeln / Und die anderen sind im Licht / Und man siehet die im Lichte / Die im Dunkeln sieht man nicht.“ Daran hat sich seit biblischer Zeit offenbar nichts geändert.

Nach dem Tod, so legt es das Gleichnis zunächst nahe, kehren sich die Verhältnisse um. Es sind Jenseitsvorstellung der jüdischen Überlieferung, die uns nun begegnen. Der Reiche landet im Hades, dem Totenreich, das aber nicht mit der Hölle gleichzusetzen ist. Es ist vielmehr der Ort, an dem die Toten das Endgericht erwarten. Dem Armen freilich wird eine besondere Ehre zuteil. Ohne irgendeinen Zwischenaufenthalt darf er „eingehen zu den Vätern“, in „Abrahams Schoß“, wie es heißt. Dargestellt als das Bild eines himmlischen Festmahls an der Seite Abrahams. Für Lukas ist ganz klar, dass es keinerlei Verbindung zwischen diesen beiden jenseitigen Welten geben kann. Der Aufenthaltsort nach dem Tod ist nicht revidierbar. Wäre die Geschichte hier zu Ende, dann wäre völlig klar, was sie sagen will: Dass das Leben nach dem Tod so etwas wie eine ausgleichende Gerechtigkeit schafft für all die himmelschreienden Ungleichheiten hier auf Erden.

Doch so einfach ist es nicht. Die Geschichte geht weiter und liefert nun ihre eigentliche Pointe. Nicht umsonst hat ein Bibelgelehrter darum einmal vorgeschlagen, sie das „Gleichnis von den sechs Brüdern“ zu nennen. Wir erfahren nicht, wer die anderen fünf sind. Doch sie scheinen in Gefahr, dasselbe Schicksal wie jener namenlose Reiche im Gleichnis zu erleiden. Warum? Weil sie offenbar ebenso blind für die Welt um sich herum sind wie ihr wohlhabender Bruder. Weil sie in ihren behüteten Wohlstandsblasen leben und sich selbst genügen, sich von der augenscheinlichen Not direkt vor ihrer Haustür aber nicht mehr anrühren lassen. Reichtum ist weder per se schlecht und verabscheuenswert, noch ist Armut löblich und ein Freifahrtschein in den Himmel. Aber – und da reiht sich dieses Gleichnis in andere Gleichnisse Jesu ein – großer Wohlstand begünstigt es, dass Menschen sich selbst genügen. Dass sie in einer abgeschotteten Wohlstandswelt leben, die kaum noch Berührung mit dem anderen Ende der Gesellschaft hat. Arme und vom Leben Gebeutelte hingegen sind auf die Solidarität der Stärkeren angewiesen. Wenn ihnen diese Solidarität verweigert wird, dann sind sie wirklich arm dran.

Dass Solidarität mit den Armen aber zutiefst im Sinne Gottes liegt, das haben die alten Propheten unmissverständlich klar gemacht. Amos war einer von ihnen. Er konnte wütend werden angesichts krasser Ungleichheit seiner Zeit, die manche Reiche und Mächtige noch für sich nutzten.

Wenn in diesen Tagen die Lebenshaltungskosten überraschend stark steigen, dann drohen Menschen an den Rand der Armut zu geraten und sogar darüber hinaus. Wo Armut beginnt, das ist in unserer Gesellschaft zumindest halbwegs klar definiert.

Wo das Reichsein anfängt hingegen nicht. So bleibt es jedem Einzelnen überlassen zu entscheiden, ob er oder sie sich dazu zählt. Und vielleicht ist ja erst der wirklich reich, der auch die Armen und Abgehängten nicht aus dem Blick verliert und bereit ist, mit offenem Herzen zu teilen. (Martin Wolf)

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