Redaktion der pilger

Mittwoch, 17. August 2022

„Plötzlich war ich Jüdin“

Inge Deutschkron am 30. Januar 2013 bei der Gedenkfeier des Bundestags für die Opfer des Nationalsozialismus. (Foto: actionpress)

Die Journalistin Inge Deutschkorn setzte sich für eine Erinnerungskultur ein

Das Bundesverdienstkreuz, das man ihr ein halbes Dutzend Mal antrug, wollte sie nicht haben. Zu viele „alte Nazis“ hätten es sich an die Brust heften dürfen. Aber der ehrenvollen Aufgabe, im Bundestag beim jährlichen Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus zu reden, unterzog sich lnge Deutschkran 2013 als 90-Jährige mit Leidenschaft. Totenstill war es im Plenarsaal, als sie von den Repressalien und Deportationen ihrer Kindheit erzählte. Von der Einführung des „Judensterns“ und der Parole, Berlin „judenrein“ zu machen.

Und von den unverschämten Ratschlägen, das Grauen einfach zu vergessen, als sie nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte. Am 23. August wäre die im März dieses Jahres gestorbene Journalistin lnge Deutschkron hundert Jahre alt geworden.

Erst als Elfjährige erfuhr die 1922 in Finsterwalde (Brandenburg) geborene Tochter eines sozialdemokratischen Gymnasiallehrers, dass sie Jüdin sei. ,,Du gehörst nun zu einer Minderheit“, sagte ihr die Mutter mit energischer Stimme. ,,Du musst den anderen in deiner Klasse zeigen, dass du deshalb nicht geringer bist als sie. Lass dir nichts gefallen. Wenn dich jemand angreifen will, wehr dich!“

Einigermaßen verwundert habe sie, Inge, damals diese Eröffnung aufgenommen, Religion habe in ihrer Familie keine Rolle gespielt und sei in ihrer Schule nicht gelehrt worden. Doch wer die Nazis waren und dass ihrem Vater die Verhaftung drohte, begriff sie sehr schnell. Im Ersten Weltkrieg hatte er sich freiwillig an die Front gemeldet und das Eiserne Kreuz bekommen, aber bereits wenige Tage nach Hitlers Machtübernahme entließ die Schulbehörde den Juden und Sozi aus dem Beamtenverhältnis. In den folgenden Monaten und Jahren nahm man den Juden Telefon, Radio, Schreibmaschinen, Haustiere weg, verbot ihnen Parks, Kinos und Friseurbesuche.

18 ihrer Verwandten wurden von den Nazis ermordet. An den Abschied von ihrer Berliner Lieblingstante erinnerte sie sich noch lange: „Da saßen diese alte Dame und ihr Mann und weinten. Und dann plötzlich sagt sie: ,Du, ihr müsst jetzt gehen. Die werden gleich kommen, uns abzuholen.‘ Und tatsächlich. Wir gingen schnell. Und dann sah ich, wie man die da auf den Lastwagen raufschmiss. Das waren Menschen, die über 60 waren. Das ist unvergesslich.“

1939 gelang es Vater Deutschkron, das begehrte Visum für Großbritannien zu erhalten. Frau und Tochter wollte er nachholen, was aber unmöglich wurde, als der Krieg ausbrach. Inge arbeitete in einer Blindenwerkstatt und war dort den Blicken der Behörden weitgehend entzogen. Ab Januar 1943 lebten sie und ihre Mutter in der Illegalität, von mutigen nichtjüdischen Mitbürgern von Versteck zu Versteck weitergereicht. „Diese Menschen haben ihren Kopf riskiert, damit wir leben können.“

Als Krieg und Nazi-Herrschaft zu Ende waren, zogen die Deutschkrons nach London zum Vater. Sie studierte Fremdsprachen, wurde Sekretärin der Sozialistischen Internationale, reiste nach Indien, Nepal, lndonesien, kehrte 1956 als Korrespondentin einer israelischen Tageszeitung nach Deutschland zurück.

Der immer wieder aufflammende Antisemitismus verleidete ihr das Heimatland so sehr, dass sie 1972 nach Tel Aviv ging. Inge Deutschkron wechselte erst wieder nach Berlin, als dort am GRIPS­ Theater 1988 ihr Theaterstück „Ab heute heißt du Sara“ uraufgeführt wurde – eine Bühnenversion ihrer erfolgreichen Autobiografie „Ich trug den gelben Stern“.
In den folgenden Jahren lebte sie abwechselnd in Tel Aviv und Berlin, hielt mit kreativer Wut und Berliner Witz zahllose aufklärende Vorträge in Schulen und setzte sich unermüdlich für das Andenken der ,,stillen Helden“ ein: Menschen, die Juden damals unter Gefahr für  ihr eigenes Leben unterstützt, versteckt und gerettet haben.

2006 wurde die „Inge-Deutschkron-Stiftung“ gegründet, deren Ziel es ist, die Auseinandersetzung mit den finsteren Jahren der deutschen Geschichte zu fördern und ein Wiederaufleben rechtsradikaler Tendenzen zu verhindern. (Christian Feldmann)

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