Redaktion der pilger

Mittwoch, 29. Dezember 2021

An der Hand des Herrn

Taufstein von Edith Stein in der Pfarrkirche St. Martin in Bad Bergzabern. (Foto: Waltraud Itschner / pilger-Archiv)

Vor hundert Jahren empfing die heilige Edith Stein das Sakrament der Taufe

Zum 100. Mal jährt sich am 1. Januar 2022 der Tauftag der heiligen Edith Stein, am 2. Februar 2022 der Tag ihrer Firmung. Von 1923 bis 1931 wirkte sie als Lehrerin am Kloster St. Magdalena. Ihre „Speyerer Zeit“ war bedeutsam für das Hineinwachsen in ihren Glauben.

Ein unbeschwerter, fröhlicher Sommer war es nicht, als Edith Stein August 1921 nach Bergzabern fuhr, um bei ihren Freunden Hedwig Conrad-Martius und Hans Theodor Conrad ein paar Tage oder mehr zu verbringen. Damals litt Edith Stein unter starken seelischen Belastungen – Lebenspläne waren gescheitert, Hoffnungen geplatzt, Verzweiflung hatte sie ergriffen. Da stieß sie eines Abends auf die Autobiografie der heiligen Teresa von Avila, die sie sogleich fesselte. Als sie dieses Buch bis zum anderen Morgen in einem durch gelesen hatte, da ging ihr auf: Das ist die Wahrheit.

Zeitlebens war Edith Stein ja auf der Suche nach der Wahrheit. Sie wandte sich der Philosophie zu, doch so tief sie auch in sie eindrang, spürte sie immer mehr: Diese Wahrheit der Philosophie war nicht die, die sie suchte. Vor allem trug sie in ihrer Lebenskrise nicht. Da musste noch eine ganz andere Wahrheit sein. Viele Erfahrungen und Begegnungen ließen sie diese Wahrheit immer tiefer und dichter erahnen, doch der entscheidende Lichtblick blieb aus. Später wird sie darüber sagen: „Wer die Wahrheit sucht, der sucht Gott, ob es ihm klar ist oder nicht.“ Vermutlich war sie dabei bereits auf Teresa von Avila gestoßen, auch auf deren Autobiographie. Als sie jetzt, in besagter Nacht, dieses Buch gelesen hatte, stand hell und klar die Wahrheit vor ihr, die sie ersehnt hatte: Gott. Nicht der Gott der Wissenschaft, der Philosophie: die höhere Macht, das höhere Wesen, auf das mit Verstand geschlossen werden kann, sondern Gott als zugewandte Person – als Liebe.

Das ist ja der „rote Faden“, der die facettenreiche, über sechshundert Seiten starke Autobiographie von Teresa von Avila durchzieht: ihre überwältigende Erfahrung des lebendigen Gottes, die sie gerade auch in einer fürchterlichen Lebenskrise gemacht hat. Dieser Gott ist die Liebe in Person, die in Jesus Christus Mensch wurde, der uns seine Freunde nennt, für die er sogar sein eigenes Leben hingibt. Und wie die Liebe uns ergreift, ist nicht mit dem Verstand zu erfassen, sondern nur mit Hingabe zu beantworten: im „inneren Beten“, in dem Teresa ganz bei ihm ist und letztlich eins wird mit ihm: „Inneres Beten ist nichts anderes als Verweilen bei einem Freund, mit dem wir oft allein zusammenkommen, einfach um bei ihm zu sein, weil wir wissen, dass er uns liebt.“ Edith Stein ging auf, dass sie bisher nur die „Phänomene“, die „bewegte Oberfläche des Seelenlebens“ betrachtet hatte. Doch das „Innerste und Eigentlichste“ der Seele lässt sich nicht an „Phänomenen“ wissenschaftlich erkunden, sondern leuchtet uns auf, überwältigt uns, wenn Gott uns ergreift. Das ist die Wahrheit: keine wissenschaftliche Kategorie, sondern zugewandte, lebendige Person.

So sagt es auch Jesus Christus selbst: „Ich und der Vater sind eins“ (Johannes-Evangelium 10,30). Und: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen“ (Johannes-Evangelium 14,6–7). In der Taufe auf ihn, die Edith Stein daraufhin empfängt, taucht sie ganz ein in diese Wahrheit, die „Gott in Jesus“ ist. Sie übt sich ein in jenes „innere Beten“, in die Ganz-Hingabe, wie sie es bei Teresa gelesen hatte. Edith Stein beginnt, ganz und gar „an der Hand des Herrn“ zu leben, die er ihr in der Taufe gereicht und die sie ergriffen hat. Das ist die hohe Bedeutung ihrer „Speyerer Zeit“. Edith Stein lässt diese Hand nicht mehr los, und diese Hand lässt auch sie nicht mehr los. Darin ist Edith Stein Vorbild für uns, dass auch wir unsere Taufe so begreifen – und leben. (kh)

100. Tauftag
Speyer. Der 100. Tauftag der heiligen Edith Stein wird am Sonntag, 2. Januar 2022, im Kloster St. Magdalena in Speyer feierlich begangen: um 16 Uhr Vesper in der Klosterkirche mit Weihbischof Otto Georgens, anschließend, etwa um 17 Uhr, Gedenkfeier (wegen der Corona-Vorschriften voraussichtlich ebenfalls in der Klosterkirche). Bei der Gedenkfeier spricht Diplom-Theologe Klaus Haarlammert (Speyer) unter dem Thema „Von der Gottesferne zur Gottesnähe“ über den Weg von Edith Stein zu ihrer Taufe. Musikalisch gestaltet wird die Gedenkfeier von der Dommusik.

Edith Stein (1891 bis 1942) wurde als Jüdin in Breslau geboren und war eine der bedeutendsten Philosophinnen ihrer Zeit. Am 1. Januar 1922 empfing sie in Bergzabern das Sakrament der Taufe und wurde am 2. Februar des selben Jahres in Speyer gefirmt. Von 1923 bis 1931 wirkte sie als Lehrerin bei den Dominikanerinnen von St. Magdalena in Speyer. Dies war auch die Zeit, in der sie sich in ihrem Glauben einlebte und festigte. 1933 trat sie als Schwester Teresia Benedicta vom Kreuz in der Orden der Karmelitinnen ein. Im August 1942 wurde sie in das Konzentrationslager Auschwitz deportiert und dort am 9. August 1942 ermordet. 1987 erfolgte ihre Seligsprechung, 1998 ihre Heiligsprechung. 1999 wurde sie zur Patronin Europas ernannt.'

Bei der Vesper und der Gedenkfeier in der Klosterkirche St. Magdalena in Speyer gelten jeweils die dann aktuellen Corona-Vorschriften. Erforderlich ist auch eine Anmeldung zur Kontakterfassung unter Telefon 06323/25081.

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