Redaktion der pilger

Montag, 30. August 2021

Sich finden lassen

In seiner Wahlheimat Rheinhessen (hier am Wißberg bei Gau-Bickelheim) fühlt sich Uwe Kießling wohl. (Foto: Anja Weiffen)

Die Bibel empfand Uwe Kießling zunächst einmal als langweilig. Doch das änderte sich

Glauben? „Ich glaub’ an mich, das reicht.“ So hat Uwe Kießling früher gedacht. Doch diese Haltung ist für ihn Geschichte so wie die DDR, in der er aufwuchs. Die politische Wende öffnete dem heutigen Diakon die Tür zum Christentum.

Die Sonne knallt aufs rheinhessische Hügelland. Die Sicht vom Wißberg bei Gau-Bickelheim aus ist gigantisch. Weinfelder so weit der Himmel reicht. In der Ferne reiht sich Windrad an Windrad. Beim Blick in die Umgebung entdeckt Uwe Kießling das Gebäude, in dem er arbeitet. Dann zeigt er Richtung Pfalz. „Da hinten ist der Donnersberg zu sehen. Dort wohnt einer der Diakone, der mit mir zusammen geweiht wurde.“  

Uwe Kießlings beruflicher Werdegang hat ihn nach Rheinhessen geführt. Er ist im Lebensmittelgroßhandel tätig. So einige Stationen in seinem Leben hat er hinter sich: Frankfurt/Oder, Dresden, Wiesbaden, Heidelberg, Bodensee, Odenwald.

Mit Rheinhessen verbindet ihn ein wichtiges Ereignis: seine Taufe 2009 in Vendersheim. Aktuell wirkt er als Ständiger Diakon in der Pfarrgruppe Wißberg. Vor genau drei Monaten weihte ihn Bischof Peter Kohlgraf zum Diakon. Damit entschied sich Uwe Kießling auch für den Zölibat.  

Sein Wissen über den christlichen Glauben tendierte gegen Null
Vor mehr als 40 Jahren sah sein Leben komplett anders aus. Uwe Kießling, Jahrgang 1970, wuchs in einem kleinen Dorf im Vogtland in der damaligen DDR auf. Sein Wissen über den christlichen Glauben tendierte gegen Null. „Der Heilige Geist wurde ausgesperrt, wurde stummgeschaltet“, so beschreibt Kießling die Situation im atheistisch geprägten SED-Regime der DDR. Religion, auch das Christentum, war nicht verboten, aber „Jesus war in der DDR offiziell nicht vorgesehen“. In Kießlings Schule gab es zwei Schüler, die getauft waren. „Ich wusste, dass es das Christentum gibt, mehr aber auch nicht.“

Seine eigene Lebenseinstellung als junger Mann entsprach der säkularen Gesellschaft. „Ich glaub’ an mich, das reicht“, fasst er heute seine damalige Haltung zu Glaubensdingen zusammen. Dennoch nagte die Neugier an ihm. „Was sind das für Menschen, diese Christen? Das wollte ich wissen“, berichtet er von seiner Motivation, sich eine Bibel zu kaufen.

Zu der Zeit machte er in Halle an der Saale sein Abitur in einem der Uni angeschlossenen Internat. Zuvor hatte er eine Ausbildung zum Facharbeiter für chemische Verfahrenstechnik absolviert. Ihm wurde nahegelegt, nach dem Abitur in der Sowjetunion zu studieren, worauf er sich in Halle vorbereiten sollte.
Im Internat begann Kießling die Heilige Schrift zu lesen. Berührte ihn dabei der christliche Glaube? Er schüttelt den Kopf. „Ich habe angefangen, die Bibel wie einen Roman zu lesen. Da wurde ich natürlich enttäuscht. Langweilig, die vielen geschichtlichen Daten, dachte ich zu dem Zeitpunkt.“ Aber: Das Buch habe etwas mit seiner Umgebung gemacht. „Allein, dass ich eine Bibel auf meinem Bett liegen hatte, sorgte im Internat für Aufsehen.“ Das habe auf ihn zurückgewirkt.
In Halle erlebte Uwe Kießling auch die Wendezeit. Immer größere Montagsdemos, immer mehr Lücken, die ausgereiste Menschen hinterließen. „Um den Betrieb aufrechtzuerhalten, mussten wir nachts die Uni heizen und manchmal auf der Krebsstation des Krankenhauses aushelfen. Ich erinnere mich gut an eine der Demonstrationen, die in der Marktkirche in Halle endete. Die Atmosphäre war von Aufbruch und Hoffnung, aber auch von Angst und Verunsicherung geprägt.“ Denn: „Allen war klar, dass unter den Menschen viele Spitzel der Stasi waren.“

Die geschichtlichen Ereignisse überschlugen sich. Und sie warfen auch den geplanten Ablauf von Kießlings Karriere über den Haufen. Er sattelte um auf Groß- und Außenhandelskaufmann. In diesen Zeiten begegnete ihm das Christentum erneut: Er freundete sich mit einer Familie aus Limburg an der Lahn an, durch die er den Glauben kennen und lieben lernte, wie er sagt. Erstmals feierte er einen Gottesdienst mit. „Ich nahm an Familienfeiern wie Erstkommunion und Firmung teil.“
An den Moment, als ihn der christliche Glaube innerlich berührte, kann sich Uwe Kießling sogar genau erinnern. „Ich war im Urlaub in Rom. In einer Kirche hörte ich jemanden singen. Da war aber niemand, vielleicht lief auch ein Band, ich weiß es nicht. Dort habe ich erstmals so etwas wie einen Ruf gespürt.“

In Serpentinen geht der Weg bei Gau-Bickelheim durch die Weinfelder jetzt hoch zur Kreuzkapelle. Uwe Kießling kennt das Gotteshaus. Dort hat er vor ein paar Wochen seine erste Taufe als Ständiger Diakon gehalten. Seine eigene Taufe 2009 im nahen Vendersheim bezeichnet er als Zäsur in seinem Leben. In dem Gottesdienst empfing er zudem die Sakramente der Erstkommunion und der Firmung. Er erzählt, wie ergriffen er war. „Bei der Taufe bin ich ein anderer Mensch geworden. Ich glaube, ich habe die ganze Feier über geweint.“

Sein Lieblingskirchenlied passt zur rheinhessischen Landschaft
In seinen Äußerungen spielt oft der Heilige Geist eine Rolle. Warum? Uwe Kießling fällt spontan sein Lieblingskirchenlied ein, „Da berühren sich Himmel und Erde“, ein Lied, das auch zur rheinhessischen Landschaft passe. In seiner Ausbildung zum Diakon habe er den Heiligen Geist so verstanden: „In die Liebe Gottes zu Jesus sind wir mit hineingenommen, diese Beziehung ist der Heilige Geist. Das kann ich logisch nachvollziehen.“ Dass er sich in seinem Leben da befindet, wo er jetzt ist, kann sich Uwe Kießling auch nur mit dem Heiligen Geist erklären. Er ist überzeugt: „Der Heilige Geist findet die Menschen, egal, wo sie sind.“ (Anja Weiffen)

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