Redaktion der pilger

Mittwoch, 09. Juni 2021

Aus Kleinem wächst Großes

Mit dem Gottesreich ist es wie mit dem Wunder von Aussaat und Ernte – und vor allem der Zeit dazwischen, in der die Pflanze „von selbst“ gedeiht. (Foto: Chepko Danil /AdobeStock.com)

Gedanken zum Sonntag: Gott lässt mich die Welt als das Wachsen des Gottesreiches erleben.

Wie kann ich von etwas reden, das mein Begreifen unendlich übersteigt? Wie kann ich das Reich Gottes in menschliche Worte fassen?

Die Gleichnisse Jesu sind eine ebenso einfache wie faszinierende Antwort hierauf. Als kleine Bilder oder kurze Geschichten entführen sie mich in eine Welt, die mich die Wirklichkeit mit neuen Augen sehen lässt. Lasse ich mich mitnehmen, kehre ich verändert zurück und weiß: Es steht nicht alles fest im Leben, manche Türe öffnet sich und Freiheit wird spürbar.

Der Reiz der Gleichnisse Jesu besteht für mich darin, dass sie mitten im Alltag einsetzen und ihre Bilder aus der Welt der Menschen nehmen. Es geht um das ganz Alltägliche. Hier baut Gott sein Reich auf. Deshalb ist das Gottesreich kein jenseitiger Ort, den ich, wenn es gut läuft, vielleicht irgendwann am Sankt Nimmerleinstag erreiche. Nein, das Reich Gottes liegt heute, hier und jetzt direkt vor mir, es ist ausgebreitet, ich muss es nur sehen, meinen Alltag als Raum des Wirkens Gottes wahrnehmen.

Jesus lehrt mich im vorliegenden Gleichnis dieses Sehen: Er lässt mich die Welt als Raum für das Wachsen und Sich-Ausbreiten des Gottesreiches entdecken.
Das Wachsen der Saat ist ein denkbar unspektakulärer Vorgang: Ein Mensch sät, die Saat wächst zum Weizen heran und wird geerntet. Nichts Besonderes also und die Menschen aus den Dörfern Galiläas erkennen ihre Lebenswirklichkeit sofort wieder. Ja, sagen sie, genau das ist es, was wir alljährlich tun: Säen, die Saat wachsen lassen, ernten. Wer einen Garten hat, kennt diese Erfahrung. Aber was hat das mit dem Reich Gottes zu tun? Wird denn das Gottesreich aufgerichtet, in den kleinen, unscheinbaren Dörfern im ländlichen Galiläa – in meinem Garten? Und ich, was habe ich damit zu tun?

In der Tat, diese Fragen drängen sich auf. Und das Gleichnis hält eine Antwort bereit:
Es berichtet nur sehr kurz vom Vorgang der Aussaat, und auch das Ende, die Ernte der reifen Frucht, kommt nur denkbar knapp in den Blick. Länger hält es sich dagegen bei der Zeit dazwischen auf. Es wird vom Sämann erzählt, dass er seinen täglichen Geschäften nachgeht, und dass er selbst nicht weiß, wie der Same wächst.

Vom Samen wird dabei in einer angesichts der Kürze des Gleichnisses geradezu ausführlichen Weise berichtet, wie er und die einzelnen Teile der Pflanze wachsen: Halm, Ähre und Korn in der Ähre entstehen nacheinander. Hierauf, auf die Phase zwischen Aussaat und Ernte, kommt es also offensichtlich an. Und schließlich: Wie ein Signalwort erklingt das „von selbst“: „Die Erde bringt von selbst ihre Frucht ...“ Das griechische Wort an dieser Stelle heißt „automatê“, von dem unser Wort „automatisch“ abgeleitet ist.

Das Reich Gottes kommt also von selbst, „automatisch“? Der Mensch muss nichts tun, nur schlafen und aufstehen? Ein Aufruf zur Faulheit also, eine Anekdote zur Senkung der Arbeitsmoral? Nein, das Gleichnis ist kein Aufruf zur Passivität. Es reicht nicht, jeden Morgen aus dem Fenster zu schauen, ob das Reich Gottes wieder ein Stück gewachsen ist.

Für das Wachsen der Saat ist die Natur vonnöten: der Boden, der Regen, die Sonne, der Wind. Jesus meint mit der Aussaat des Samens den kleinen, unscheinbaren Beginn des Gottesreiches. Es beginnt zunächst kaum sichtbar, wie das kleinste Samenkorn, aber, wenn es auf guten Boden fällt, bringt es vielfältig Frucht.

Dafür vertraut Jesus das ausgesäte Reich seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern an. Er legt es in die Hände derer, die sich von ihm in Anspruch nehmen lassen, die diese Welt zu einem Raum machen wollen, in dem das, was Jesus begonnen hat, wächst und gedeiht, das Heil Gottes erfahrbar wird und Menschen sich anstecken lassen von der Nähe Gottes.

Jesus traut mir zu, sein Wirken fortzusetzen und die Welt zu einem Ort werden zu lassen, wo nicht Hass, Missgunst und Gewalt regieren, sondern die Liebe und Gemeinschaft Gottes.

Am Ende wird mit der Sichel geerntet. Damit ist gemeint: Gott wird die Welt vollenden, es wird darauf geschaut werden, was ich aus den Anfängen gemacht habe. „Automatisch“ wächst das Gottesreich deshalb, weil sich der Geist, den Jesus in die Welt gebracht hat, verbreitet. Er inspiriert Menschen, setzt sie in Bewegung und bringt das weiter, was damals seinen Anfang in den Dörfern Galiläas genommen hat. Jesus weiß, dass er das Gottesreich nicht selbst herbeizwingen kann und soll, sondern dass er daran mitwirken darf, die in der Welt ausgesäte, in sie eingepflanzte Liebe Gottes weiterzugeben.

Es ist das Wissen darum, getragen zu sein von der Weite und Tiefe der Geschichte Gottes mit seinem Volk, in die ich hineingenommen bin und die mich trägt. So wächst die Liebe und das Reich Gottes auf unserer Erde – durch uns alle, durch dich und mich als Nachfolger oder Nachfolgerin Jesu Christi, wie das kleine Senfkorn im Gleichnis. Was für ein wunderbares Bild!

luise.gruender@bistum-speyer.de

 

Artikel teilen:

Weitere Nachrichten

15.09.21
Redaktion der pilger

Von Geld und Gott

Die Bankerin Marija Kolak hat seit einem Jahr ein neues Ehrenamt: Sie ist Beraterin...
15.09.21
Redaktion der pilger

Alles soll wieder gut werden

Kita St. Martin in Kaiserslautern startete Spendenaufruf für zerstörte Kita im...
15.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Orientierung am Kind

Jesu Lehrstück über das Reich Gottes
15.09.21
Redaktion der pilger

Konflikt erwartet

Frankfurter Stadtdekan zu Eltz zur Debattenkultur beim Synodalen Weg
15.09.21
Redaktion der pilger

Löscht die Lunte!

Der Papst ruft in Ungarn zum Kampf gegen Antisemitismus auf
15.09.21
Redaktion der pilger

Kämpfer für Menschenrechte in Brasilien

Kardinal und Befreiungstheologe Paulo Evaristo Arns vor hundert Jahren geboren
15.09.21
Redaktion der pilger

Verfolgte Christen

Ausstellung in Neustadt zu einem aktuellen Thema
08.09.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Feier mit neuen Freunden

Maria Rosenberg: Dank Online-Angeboten wächst die Fangemeinde
08.09.21
Redaktion der pilger

Bundestagswahl: 47 Parteien dabei

Darunter befinden sich Exoten wie die HipHopper und die Gartenfreunde
08.09.21
Redaktion der pilger

Der Heilige von 9/11

Der Franziskaner Mychal Judge ist bis heute eine Symbolfigur für die Opfer des 11....
08.09.21
Redaktion der pilger

Auf nach Assisi

Diözesanwallfahrt 2022 zu den Wirkungsstätten der Heiligen Franziskus und Klara
08.09.21
Redaktion der pilger

Heilig ging es nicht immer zu

Glaubens- und Kirchenleben: Theater Kauderwelsch aus Neupotz führt Projekt auf
08.09.21
Redaktion der pilger

Heilige Orte und Menschen

In der Slowakei prägen Marienverehrung und Wallfahrten bis heute die...
07.09.21
Redaktion der pilger

Insel-Hopping beim Solilauf St. Ingbert

Am Wochenende 10. bis 12. September sind Solilauffreunde - an welchem Ort der Welt...
02.09.21
Redaktion der pilger

Pfälzer Jahresbegleiter „Unsere Heimat“ 2022

Anregungen für den Artenschutz und Erlebnisse in der Natur. „Unsere Heimat....
01.09.21
Redaktion der pilger

Schöpfungsfreundliche Kitas

Bei den Kleinsten können die größten Veränderungen beginnen. So könnte das Ziel...
01.09.21
Redaktion der pilger

Beständige Liebe feiern

Nach 25, 50 oder 60 Jahren Ehejahren bekräftigen Paare ihr Verspechen im Dom
01.09.21
Redaktion der pilger

Kolmerbergkapelle renoviert

Freude über die Wiedereröffnung der Dörrenbacher Wallfahrtsstätte nach mehrjähriger...
01.09.21
Redaktion der pilger

Jesus Christus will auch uns öffnen

Unsere Ohren und Augen, unseren Mund. Unser Herz
30.08.21
Redaktion der pilger

Sich finden lassen

Die Bibel empfand Uwe Kießling zunächst einmal als langweilig. Doch das änderte sich
27.08.21
Redaktion der pilger

Speyerer Bischof Wiesemann kehrt von Auszeit zurück

Speyer (KNA) Der Speyerer Bischof Karl-Heinz Wiesemann nimmt nach einer...
25.08.21
Redaktion der pilger

Schöpfungsgeschichte in neuem Licht

Leimersheimer Messdiener laden in die Kirche St. Gertrudis zu beeindruckender...
25.08.21
Redaktion der pilger

Die Hilfe muss weitergehen

Hilfsorganisationen wollen ihre Unterstützung für Afghanistan aufrechterhalten –...
25.08.21
Redaktion der pilger

Den Artenschutz im Blick

Ökumenische Initiative „Trendsetter Weltretter“ beginnt am 4. September
25.08.21
Redaktion der pilger

Kassen zahlen Bluttest

Kirche warnt vor vorgeburtlicher Selektion bei Down-Syndrom
25.08.21
Redaktion der pilger

Den Dingen auf den Grund gehen

Eine Teilnehmerin von „Theologie im Fernkurs“ berichtet über viele „Aha-Erlebnisse“...
25.08.21
Redaktion der pilger

Grund für ein gutes Leben

Gottes Weisung ist eine kostbare Gabe
20.08.21
Redaktion der pilger

Wir dürfen uns nicht lähmen lassen

Der Klimawandel bedroht die Erde. Wie können wir mit den Sorgen, die uns die...
20.08.21
Redaktion der pilger

Wenn Fantasiewelten im Kopf entstehen

Schon seit 15 Jahren gibt es die Erzählwerkstatt im Heinrich Pesch Haus in...
20.08.21
Redaktion der pilger

Empörende Hilflosigkeit

Bischofskonferenz und Hilfswerk Misereor zur Krise in Afghanistan
20.08.21
Redaktion der pilger

Wollt auch ihr gehen?

Eine diffuse Gläubigkeit reicht nicht für‘s Christsein
20.08.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Sein berühmtestes Orgelwerk hören

Johann Sebastian Bachs „Toccata und Fuge d-moll“ wird am 29. August vielerorts...
20.08.21
Redaktion der pilger

Ohne Bildung obsiegt die Not

Madagaskar: Herz-Jesu-Priester bauen eine „Schule gegen den Hunger“
11.08.21
Redaktion der pilger

Die Zeit verrinnt

Papst Franziskus drückt nach überstandener Operation aufs Tempo
11.08.21
Redaktion der pilger

Klima-Pilgerweg

Ökumenisches Signal für mehr Klimaschutz und Klimagerechtigkeit
11.08.21
Redaktion der pilger
News-Feed (RSS) von der Zeitungsseite in die Webfamilie

Oase und grüner Segensort

Ein Besuch im Otterberger Klostergarten – Mehr als 250 verschiedene Pflanzen
11.08.21
Redaktion der pilger

Die eigene Mitte finden

Heinrich Pesch Haus setzt mit der Methode Focusing einen neuen Schwerpunkt
11.08.21
Redaktion der pilger

Ein Saurier mit Tourette-Syndrom

Behindertenseelsorge und Kinder- und Jugendtheater Speyer präsentieren neues...
11.08.21
Redaktion der pilger

Gott handelt – mit unseren Herzen und Händen

Am Fest Mariä Aufnahme in den Himmel finden in vielen Kirchen Kräutersegnungen...
06.08.21
Redaktion der pilger

Noch mehr als Nähe

Zum Sonntag: Alle Ich-bin-Worte Jesu sprechen von der Liebe Gottes
Treffer 1 bis 40 von 4340